Abends geschafft ins Bett fallen, nach ein paar Minuten einschlafen und am nächsten Morgen wieder gut ausgeruht in den Tag starten: Was nach einer perfekten Nacht klingt, gelingt längst nicht allen Menschen. Wer unter Schlafstörungen leidet, kann nur schwer zur Ruhe kommen und die Nacht zur Erholung und Regeneration nutzen. Betroffene wachen zudem nachts immer wieder auf, grübeln stundenlang und schlafen dann mehr schlecht als recht. Tritt dies mindestens drei Mal in der Woche auf über einen Zeitraum von einem Monat oder mehr, sind dies klare Zeichen für eine akute Schlafstörung. Längst gibt es zahlreiche digitale Hilfsmittel, die das Lösen von Schlafproblemen als Ziel haben: Schlaf-Apps.

In den App-Stores von Google oder Apple finden sich zahlreiche Angebote, die Betroffenen Hilfe per App versprechen. Sie sollen das Einschlafen erleichtern und eventuelle Schlafprobleme und Unregelmäßigkeiten aufdecken. Doch wie verlässlich solche Schlaf-Apps für das Smartphone oder die Smartwatch wirklich sind und was sie leisten können, ist auf den ersten Blick oft nicht ersichtlich.

Schlaftracker zeichnen Bewegungen und Geräusche auf

Die Auswahl an Apps zum Thema Schlaf ist groß: Im App-Store findet man Angebote wie „ShutEye“, „Pillow“ oder „Sleep Cycle“, die Schlaf-Apps im Play-Store nennen sich „bettersleep“ oder „Sleep Monitor“. Manche Apps sind gratis, andere kosten im Jahresabonnement 15 bis 50 Euro. Doch das Prinzip ähnelt sich: Sensoren zeichnen Bewegungen und Geräusche auf, erstellen individuelle Schlafdiagramme und versprechen, daraus individuelle Schlafzyklen zu berechnen. Ein Blick auf das Smartphone oder die Smartwatch am Morgen liefert dann einen Rückblick auf die Ereignisse der vergangenen Nacht.

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Sanftes Wecken zum richtigen Zeitpunkt

Viele der Apps verfügen zudem über besondere Weck-Funktionen: Wer möchte kann sich so von der App gezielt in einer besonders günstigen Schlafphase wecken lassen – um „erfrischt aufzuwachen“, so die Hersteller. Die Weck-Funktion greift dabei auf die Aufzeichnungen der Nacht zurück und erkennt so auch den Beginn einer leichten Schlafphase.

Selbstoptimierung kann zu Anspannung führen

Der Schlafmediziner Dr. Dirk Schwerthöffer sieht bei einigen Apps grundsätzlich durchaus Potenzial, konkrete Hinweise auf Unregelmäßigkeiten geben zu können. „Rein technisch ist in den letzten zehn Jahren sehr viel passiert“, sagt der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum rechts der Isar in München. Zwar seien die Aufzeichnungen von Schlaftrackern auf Smartphones längst nicht so gut wie in einem Schlaflabor, hätten aber durchaus Fortschritte gemacht.

Für den Schlafmediziner sollten sich Nutzer:innen solcher Apps jedoch fragen, warum genau sie das Angebot nutzen. „Benutzt es jemand, der im Rahmen einer ganz gesunden Lebensführung vieles optimieren möchte, wie die Bewegung, die Ernährung und dann eben auch den Schlaf? Oder benutzt es jemand, der vielleicht ernsthafte Schlafprobleme hat?“, so Dr. Schwerthöffer.

Im Falle einer langfristigen Schlafstörung empfiehlt er den Gang zu einem Arzt. Bei allen anderen Motiven stellt Dr. Schwerthöffer die generelle Sinnhaftigkeit der Nutzung von Schlaf-Apps infrage. Denn gezielte Überwachung des Schlafs kann auch negative Folgen haben: Wer sich zu sehr auf den eigenen Schlaf fokussiert, sei deswegen häufig auch angespannter. Entspannt und wie selbstverständlich zu schlafen, könne durch eine übergenaue Selbstbeobachtung gestört werden, so der Experte.

App-Daten sind nicht immer richtig

Doch welche Rückschlüsse auf Schlafprobleme können die Daten wirklich liefern? Der Vorstandsreferent der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGMS), Dr. Alfred Wiater, sieht die Schlaf-Apps allenfalls als eine Orientierungshilfe und warnt ebenfalls vor einer falschen Interpretation der gelieferten Daten.

Eine medizinisch exakte Schlafanalyse sei mit den Apps nicht möglich, die Aufzeichnungskriterien erfüllten nicht die Voraussetzungen einer medizinisch exakten Schlafmessung, so Dr. Wiater. „Problematisch ist es, wenn die angegebenen Messdaten nicht dem tatsächlichen Schlafverlauf entsprechen und bei den Nutzerinnen und Nutzern zu Verunsicherungen führen“, sagt der Schlafmediziner.

Apps können Hinweise liefern ­­– aber auch falsch liegen

Gründe für einen schlechten Schlaf sind häufig Störungen in der Atmung oder der Bewegung. „Hier kommt es auf das Ausmaß an, denn dass wir uns nachts im Schlaf bewegen, ist absolut normal“, sagt Dr. Schwerthöffer. Schlaftracker und Schlafapps können die Bewegungsunruhe, die den Betroffenen um den Schlaf bringt, durchaus erkennen. Allerdings weisen sie nicht sicher den Weg zur richtigen Diagnose. Zum Beispiel bei Menschen mit der Erkrankung „Resless-Legs-Syndrom“. Sie leiden unter Schlafstörungen, weil ihre Beine nachts nichts zur Ruhe kommen. Sie brauchen aber eine ganz andere Behandlung als Menschen mit einfachen Schlafstörungen.

Bei langfristigen Problemen nicht auf Apps verlassen

Wer unter ernsthaften und dauerhaften Schlafproblemen leidet, sollte laut Dr. Schwerthöffer in jedem Fall eine Arztpraxis aufsuchen. Schlaf sei ein recht flexibles System, das sich häufig nach wenigen Tagen gut selber reguliere. „Wenn man aber über einen Zeitraum von über vier Wochen nicht einschlafen kann oder nachts wach liegt, sollte man aufmerksam und hellhörig werden und zum Arzt gehen.“ Denn Schlafstörungen können ernsthafte Folgen für das Immunsystem, den Stoffwechsel, das Gedächtnis und die Stimmung haben.

„Bei Menschen mit Schlafstörungen sollten Selbstversuche mit Schlaf-Apps unbedingt vermieden werden, da dadurch die gezielte und rechtzeitige medizinische Diagnostik und Therapie hinausgezögert werden könnte“, ergänzt DGMS-Vorstandsreferent Dr. Wiater.

In Schlaflaboren werden – im Gegensatz zu frei verfügbaren Schlaf-Apps – zahlreiche Körperfunktionen gemessen, darunter: Hirn- und Muskelströme, Herzschlag, Augenbewegungen, Atmung oder die Position des Körpers. Das Ergebnis der Analyse ist detailliert und entsprechend aussagekräftig. Frei verfügbare Schlaf-Apps könnten hier nicht mithalten, so Dr. Schwerthöffer.

App auf Rezept: DiGA „somnio“ kann unterstützen

Auch im Bereich der Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGas) ist das Thema Schlaf und Schlafstörung bereits als App auf Rezept vertreten. Die DiGA „somnio“ richtet sich an Menschen mit Schlafstörungen und wird bereits in der Behandlung und Therapie eingesetzt. Laut Dr. Wiater handelt es sich bei der App um ein Medizinprodukt, das Ärzt:innen Menschen mit chronischen Ein- und Durchschlafstörungen oder zu frühem Erwachen verschreiben können. Die DiGa ist wissenschaftlich evaluiert und beruht auf verhaltenstherapeutischen Grundsätzen.

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Schlafhilfe-App auf Rezept

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat die erste App gegen Ein- und Durchschlafstörungen als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zugelassen.

Mit schlechten Gedanken umgehen

Somnio unterstützt Betroffene beispielsweise dabei, Schlafzeiten zu optimieren, einem individuell abgestimmten Schlaf-Wach-Rhythmus zu folgen, mit schlafhindernden Gedanken umzugehen oder sich mittels Entspannungstechniken in einen schlafförderlichen Zustand zu bringen. Dr. Schwerthöffer sieht in „somnio“ auch eine schnelle und hilfreiche Unterstützung für Betroffene, insbesondere für all diejenigen, die für Untersuchungen durch Spezialist:innen lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen aber gleichzeitig auf die Einnahme von Schlafmitteln verzichten sollten.

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