„Corona ist wie ein kleines Lied. Es geht vorbei.“ An diese Worte erinnert sich Professorin Daniela Jopp noch ganz genau. Mit ihnen beschrieb eine hochbetagte Seniorin der Wissenschaftlerin ihre aktuelle Situation. Die Frau ist eine von 171 Teilnehmern einer noch laufenden psychologischen Studie zu 100-Jährigen in der Schweiz.

Besonders Ältere haben die Pandemie gut gemeistert

Das Beispiel steht für eine allgemeine erste Erkenntnis. Die Ältesten unter den Alten sind psychisch überraschend gut durch die Pandemie gekommen. Obwohl gerade die Bewohner von Heimen sehr gelitten haben. Monatelang konnten sie keine Besucher empfangen, und phasenweise gab es für sie kaum gemeinschaftliche Aktivitäten. „Doch die meisten von uns Befragten haben sich gut berappelt“, sagt Jopp.

Sie forscht und lehrt an der Universität Lausanne (Schweiz) und leitet die Studie. „Die Senioren haben Wege gefunden, weiterhin in Kontakt zu ihren Freunden und Angehörigen zu bleiben“, sagt die Psychologin. Viele fanden dafür ihre eigenen kreativen Wege. Etwa der alte Herr, der regelmäßig per Mobiltelefon Sudoku mit seinen Töchtern spielte.

Die meisten zeigen sich zuversichtlich

92 Prozent der Befragten sind mit ihrem Leben zufrieden. „Das ist unglaublich, wenn wir uns vor Augen halten, dass wir die Menschen während der Pandemie gefragt haben“, sagt Jopp. Doch das Ergebnis untermauert Erkenntnisse aus bereits abgeschlossenen Studien an 100-Jährigen etwa in den USA und in Deutschland. Die meisten von ihnen sind guten Mutes und zuversichtlich – allen Widrigkeiten wie Schicksalsschlägen und Krankheiten zum Trotz.

Denn wirklich gesund ist niemand mehr. Gut vier chronische Erkrankungen hat jeder 100-Jährige im Schnitt, ergaben Studien an den ältesten Alten in der Region um Heidelberg. Und auch dort zeigten die Befragten ein hohes Maß an Zuversicht.

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Auch in puncto geistiger Fitness gibt es gute Nachrichten: So zeigte die Hälfte der 100-Jährigen in der zweiten Heidelberger Studie keine oder nur leichte Einbußen beim Denken, Merken und Sprechen. Ein deutlich höherer Anteil als bei dieser Altersgruppe elf Jahre zuvor. Das bestätigt den Trend, der sich bei jüngeren Senioren zeigt. Der Beginn von Demenzerkrankungen verschiebt sich ins höhere Lebensalter.

Doch welche Bedürfnisse haben 100-Jährige? Auch das will Jopp mit ihrer Studie klären. Ob die ältesten Alten beispielsweise eine andere Art von Pflege benötigen als 20 Jahre jüngere Senioren und wie gut sie sozial eingebunden sind.

Eines weiß Jopp jetzt schon aus zahlreichen Gesprächen: „Die meisten Senioren haben Dinge, die in ihrem Leben wichtig sind. Oft wäre es leicht, ihnen das Ausüben ihrer Hobbys zu ermöglichen.“ Etwa der Frau, die leidenschaftlich gerne Schürzen nähte, doch niemanden fand, der sie zu dem Stoffladen brachte.

Bald 140.000 Hundertjährige weltweit

Ein weiteres Bedürfnis vieler ältesten Alten lässt sich weniger leicht erfüllen: der Austausch mit Menschen der gleichen Generation. Von den alten Weggefährten lebt oft keiner mehr. Doch das wird sich ändern. Schon seit Langem sind die Ältesten die am stärksten wachsende Altersgruppe. Gab es im Jahr 2020 in Deutschland circa 20.000 Senioren, die 100 Jahre oder älter waren, könnte ihre Anzahl bereits im Jahr 2040 auf rund 140.000 Menschen angestiegen sein.

Der Trend wird sich fortsetzen. Darin sind sich die Experten einig: So könnte jeder zweite Mensch, der um das Jahr 2000 geboren wurde, seinen 100sten Geburtstag erleben. Die Vorhersage geht davon aus, dass sich die Lebensbedingungen und die medizinische Versorgung weiter verbessern. Doch unser Gesundheitssystem ist nicht einmal auf die gesundheitlichen Belange der jetzigen Senioren ausgerichtet.

Was wir von Hundertjährigen lernen können

Wie gesund jeder Einzelne von uns im Alter bleibt und wie lange er lebt, hängt von vielem ab. Am Schicksal und den Erbanlagen können wir nichts ändern, an unserer Lebensweise und Haltung hingegen schon. Und hier können wir einiges von den 100-Jährigen lernen. „Es hat viele positive Effekte, das Glas eher halb voll als halb leer zu sehen. Das ist ein wichtiger Faktor für erfolgreiches Altern und für ein langes Leben“, fasst Jopp ihre Erkenntnisse zur persönlichen Einstellung zusammen.

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Quellen:

  • Jopp DS, Rott C, Boerner K et al.: Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie, Herausforderungen und Stärken des Lebens mit 100 Jahren. Robert Bosch Stiftung: https://www.bosch-stiftung.de/... (Abgerufen am 24.12.2022)
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