Kurz erklärt: Was ist das Sjögren-Syndrom?

  • Das Sjögren-Syndrom ist eine Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem greift dabei vor allem die Tränen- und Speicheldrüsen an. Die Krankheit tritt allein auf (primäres Sjögren-Syndrom) oder mit anderen Erkrankungen (sekundäres Sjögren-Syndrom).
  • Exakte Zahlen sind nicht bekannt. Fachleute gehen davon aus, dass von 1000 Erwachsenen mindestens vier betroffen sind, überwiegend Frauen.
  • Funktionieren Tränen- und Speicheldrüsen nicht mehr richtig, kommt es zu trockenen Augen und einem trockenen Mund. Die Beschwerden heißen Sicca-Syndrom. Auch weitere Symptome wie Durchblutungsstörungen (Raynaud-Syndrom), Verdauungs- und Gelenkbeschwerden kommen vor.
  • Warum das Sjögren-Syndrom entsteht, ist unklar. Vorbeugen lässt sich nicht, genauso wenig gibt es ein Heilmittel. Es ist aber möglich, die Beschwerden zu lindern.

Was sind die Symptome?

Weil das Immunsystem Flüssigkeit produzierende Drüsen angreift, ist Trockenheit das Leitsymptom. „Diese Trockenheit betrifft vor allem die Augen, den Mund und zum Beispiel auch die Vagina“, sagt Professor Dr. Jörg Henes, Oberarzt und Ärztlicher Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Rheumatologie, klinische Immunologie und Autoimmunerkrankungen am Universitätsklinikum Tübingen. „Betroffene haben oft ein Fremdkörpergefühl im Auge oder vertragen plötzlich ihre Kontaktlinsen nicht mehr. Sie müssen beim Essen viel trinken und haben Probleme mit Karies.“

Seltener beziehungsweise später verursacht das Sjögren-Syndrom weitere Symptome wie Gelenkbeschwerden, Veränderungen in der Lunge, Verdauungs- oder Nervenprobleme mit Missempfindungen oder Lähmungen, Entzündungen der Blutgefäße mit roten Flecken an den Beinen oder Müdigkeit. Manchmal sind die Speicheldrüsen geschwollen und druckschmerzhaft.

Augen- und Mundtrockenheit, die Hauptbeschwerden, „werden leider oft mit normalen Alterungserscheinungen verwechselt“, berichtet Henes. Die Symptome heißen auch Sicca-Syndrom – vom lateinischen Wort „siccus“ für „trocken“.

Die beschriebenen Beschwerden kommen aber auch bei anderen Krankheiten oder als mögliche Nebenwirkung von Medikamenten vor.

Was sind die Ursachen?

Warum das Sjögren-Syndrom entsteht, ist unklar. „Die genetische Prädisposition spielt eine Rolle“, sagt Rheumatologe Henes. Das bedeutet: Ist jemand erblich bedingt anfällig für Autoimmunerkrankungen, können Infekte oder andere Prozesse, die die Abwehr stimulieren, die überschießende Immunreaktion fördern.

Weil von Sjögren mehr Frauen als Männer betroffen sind, könnten Hormone das Entstehen mit beeinflussen. „Letztendlich können wir die Ursachen aber nicht erklären“, sagt Henes. „Männer mit Sjögren sind jedenfalls eine Rarität, wenngleich die Erkrankung gar nicht so selten ist.“ Das Sjögren-Syndrom zählt zu den Kollagenosen. Zu dieser Gruppe bestimmter Autoimmunerkankungen gehört zum Beispiel auch der systemische Lupus erythemato­des (SLE). Vorbeugen lässt sich nicht.

So wehrt das Immunsystem Angreifer ab

Das Immunsystem

Ständig greifen Keime den Menschen an. Mit dem Immunsystem ist der Körper dagegen weitgehend geschützt. Doch diese Körperabwehr funktioniert nicht immer fehlerfrei. Infekte, Allergien und Autoimmunerkrankungen können die Folge sein

Wie stellen Ärztin oder Arzt die Diagnose?

„Weil oft zuerst die Augentrockenheit auffällt, wenden sich viele Betroffene an eine Augenarztpraxis“, sagt Professorin Dr. Ina Kötter, Leiterin der Sektion Rheumatologie am Zentrum für Innere Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Mitunter stoßen auch Zahnärzte auf Sjögren – weil Betroffene aufgrund der geringeren Speichelproduktion anfällig für Karies sind. „Bei manchen Patienten dauert es Jahre, bis sie an der richtigen Adresse landen, also in einer rheumatologischen Praxis“, berichtet Kötter. Oft erfahren Betroffene im Alter zwischen 40 und 50 Jahren von ihrer Erkrankung.

Bei Verdacht auf Sjögren misst die Ärztin oder der Arzt die Speichelproduktion: „Der Patient oder die Patientin kaut auf einer Kompresse, die danach gewogen wird“, erklärt Rheumatologin Kötter. Zur Diagnostik gehört zudem eine Ultraschall-Untersuchung der Speicheldrüsen am Ohr und im Unterkiefer. Um die Augentrockenheit zu untersuchen, ist wieder die Augenarztpraxis gefragt. „Und dann ist die Labordiagnostik wichtig, also eine Blutuntersuchung auf Antikörper“, so Kötter, die als Direktorin auch die Klinik für Rheumatologie und Immunologie in Bad Bramstedt leitet. Dass nur 60 Prozent der Betroffenen Antikörper im Blut haben, erschwert die Diagnose. Manchmal ist eine Biopsie der Unterlippe nötig, in der winzige Speicheldrüsen sitzen. Die Gewebeprobe wird im Labor auf Entzündungen untersucht.

Wie ist das Sjögren-Syndrom zu behandeln?

Weil das Sjögren-Syndrom nicht heilbar ist, zielt die Behandlung darauf ab, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, ihre Symptome zu lindern und bei akuten Entzündungen die Immunreaktion zu kontrollieren. „Gegen die trockenen Augen empfehlen wir Tränenersatzflüssigkeit und über Nacht Augensalbe“, sagt die Hamburger Rheumatologin Kötter. Zuckerfreie Lutschbonbons oder Kaugummis fördern den Speichelfluss, Nasensprays oder -gels befeuchten die Schleimhaut der oberen Atemwege.

Ja nach Fall kann es sinnvoll sein, die Abwehr zu unterdrücken – mit Kortison oder Immunsuppressiva, die bei rheumatischen Erkrankungen zum Einsatz kommen. Ob die Therapie im individuellen Fall ratsam ist, welche Vorteile und möglichen Nachteile sie hat, sollen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte mit den Betroffenen besprechen. Lange galt ein Mittel gegen Malaria als Standardtherapie. „Dessen Wirksamkeit ist aber inzwischen umstritten“, berichtet Kötter. Hoffnung macht die Forschung an Biologika, biotechnologisch hergestellten Arzneien. Beweisen sie in den laufenden Studien ihre Wirksamkeit, könnten die Mittel in wenigen Jahren auf den Markt kommen.

Wie verläuft das Sjögren-Syndrom?

Das Sjögren-Syndrom verläuft schleichend, nur bei wenigen schreitet die Erkrankung schnell voran. „Wichtig ist, dass Patienten Tränenflüssigkeit und Speichel ersetzen“, rät Rheumatologe Henes, „sonst kommt es zu Schäden an Augen und Zähnen.“ Wer unter dem Sjögren-Syndrom leidet, sollte mit seinen behandelnden Ärztinnen oder Ärzten besprechen, in welchen Intervallen fachärztliche Kontrollen ratsam sind, beispielsweise die augenärztliche Untersuchung von Lidrand und Hornhaut auf Verletzungen, sowie Kontrollen in der zahnärztlichen Praxis wegen der Kariesgefahr. Termine in einer rheumatologischen Praxis können zum Beispiel alle sechs Monate sinnvoll sein – vor allem, um die Beteiligung von Lunge und Nieren zu überwachen. „Weil Betroffene ein elffach erhöhtes Risiko für Lymphdrüsenkrebs haben, müssen zudem die Laborwerte regelmäßig kontrolliert werden“, ergänzt Rheumatologin Kötter.

Tipps für den Alltag

„Im Alltag ist das Sjögren-Syndrom sehr unangenehm, der Leidensdruck ist groß“, sagt Facharzt Henes. „Einerseits ist es gut, dass man den Betroffenen die Erkrankung nicht ansieht – so entsteht kein Stigma. Andererseits nehmen viele die Krankheit dadurch nicht ernst.“ Sebsthilfegruppen bieten Patientinnen und Patienten gegenseitige Unterstützung und Informationen an.

Der Tübinger Rheumatologe empfiehlt Betroffenen, aufs Rauchen zu verzichten, weil das die Mundtrockenheit verschlimmert. Auch Stress kann das Gefühl eines trockenen Mundes verstärken, „weil Adrenalin den Speichelfluss mindert“. Eine gründliche Mundhygiene sei beim Sjögren-Syndrom besonders wichtig. Die Deutsche Rheuma-Liga rät Erkrankten, auf ausreichende Luftfeuchte in der Umgebung zu achten, Klimaanlagenluft zu meiden und bei Wind eine Brille mit seitlichem Schutz zu tragen. Mehr Informationen gibt es zum Beispiel auf der Webseite der Deutschen Rheuma-Liga.

Fragen Betroffene, ob sie den Verlauf mit der Ernährung positiv beeinflussen können, rät die Hamburger Rheumatologin Kötter zur mediterranen Kost. Weil Fleisch Entzündungen fördert, wäre es ideal, darauf zu verzichten und stattdessen eher Fisch zu essen. „Diese Form der Ernährung ersetzt die nötigen Medikamente aber natürlich nicht“, so die Ärztin.

Sjögren und Schwangerschaft

Eine Schwangerschaft und das Sjögren-Syndrom schließen sich nicht aus. Die Autoantikörper, die der Körper bei der Erkrankung bildet, schaden jedoch mitunter dem Ungeborenen, so der Tübinger Rheumatologe Henes: „Sie können beim Baby zum kongenitalen Herzblock führen, bei dem sich der Herzschlag immer weiter verlangsamt.“ Sjögren-Patientinnen mit Kinderwunsch sollten sich deshalb an ein spezialisiertes Zentrum wenden, damit ihre Schwangerschaft engmaschig überwacht werden kann.

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann eine ärztliche Beratung nicht ersetzen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine individuellen Fragen beantworten

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Quellen:

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