Baby und Familie

Manchmal passiert es schneller, als ­Elternhände zugreifen können: Das Baby fällt von der Wickelkommode, der Laufanfänger stolpert die ­Treppe hinab, oder das Kind rutscht vom Klettergerüst. Dann sitzt der Schreck tief, und die Angst vor ­einer schweren Verletzung ist groß. Hinzu kommt: Je jünger das Kind, umso häufiger ist bei einem Sturz der Kopf in Form eines Schädel-Hirn-Traumas betroffen.

„Die meisten Kopfverletzungen verlaufen mild. Selbst bei einem Schädel-Hirn-Trauma sind etwa 97 Prozent leicht“, beruhigt Privatdozentin Dr. Nora Bruns, Kinderärztin auf der Pädiatrischen Intensivmedizin am Universitätsklinikum Essen. Insbesondere, wenn das Kind auf die Stirn oder das Gesicht gefallen ist, sei es meist unproblematisch. Gefahr bestehe vor allem, wenn das Kind aus einer großen Höhe, mit einer hohen Geschwindigkeit, auf einen spitzen Gegenstand oder sehr harten Untergrund aufkommt.

Kind bewusstlos: Notarzt rufen

Sofort den Notarzt (Telefon: 112) sollte man rufen, wenn:

  • das Kind nach einem Unfall bewusstlos wird, also die Augen geschlossen hat und sie auch bei Berühren oder Ansprechen nicht öffnet,
  • Blut oder Flüssigkeit aus Nase oder Ohr austritt,
  • wenn das Auge blau anläuft

Das gilt auch bei nur kurzer Bewusstlosigkeit. Das Kind muss dann in ein Krankenhaus, damit es untersucht und gezielt behandelt werden kann.

Alarm-Zeichen

Falls eines dieser Symptome bis 24 Stunden nach einem Kopfsturz auftritt, sollten Eltern den Notarzt rufen:

  • Bewusstlosigkeit
  • mehrfaches Erbrechen
  • starke oder zunehmende Kopfschmerzen
  • äußere Veränderungen, die über einen kleinen Bluterguss an der Stirn hinausgehen
  • auffällige Verhaltens- und Wesensänderungen
  • Gefühlsstörungen oder Lähmungen
  • Schielen oder andere Auffälligkeiten der Augenstellung
  • Krampfanfall
  • blauer Fleck rund um das Auge

Kind nach Unfall gut beobachten

Allerdings lässt sich nicht immer sofort erkennen, ob sich das Kind bei einem Sturz nur eine Beule oder Platzwunde geholt hat oder ob das Gehirn verletzt wurde. „Auch Unfälle, die auf den ersten Blick gar nicht so schwerwiegend aussehen, können schwere Verletzungen mit sich bringen und zum Beispiel eine Gehirnblutung auslösen“, sagt Bruns.

Geht es dem Kind augenscheinlich gut, sollten es die Eltern deswegen nach einem Unfall trotzdem sorgfältig beobachten. Die meisten schweren Kopfverletzungen zeigen sich innerhalb der ersten sechs bis zwölf Stunden. „Wenn man sein Kind für etwa 24 bis 48 Stunden etwas genauer im Blick behält, ist man auf der sicheren Seite“, erklärt die Medizinerin. Zeige ein Kind in dieser Zeit keine Anzeichen, sei eine Hirnverletzung sehr unwahrscheinlich.

Privatdozentin Dr. Nora Bruns, Kinderärztin auf der Pädiatrischen Intensivmedizin am Universitätsklinikum Essen

Privatdozentin Dr. Nora Bruns, Kinderärztin auf der Pädiatrischen Intensivmedizin am Universitätsklinikum Essen

Die Ärztin rät Müttern und Vätern: „Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl.“ Die meisten Eltern hätten eine sehr gute Intuition, ob mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. „Wenn das Kind normal ist, keine äußerlich erkennbaren Verletzungen hat und wie immer spielt, isst und trinkt, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass etwas passiert ist“, so Bruns.

Typische Warnzeichen für ein relevantes Schädel-Hirn-Trauma sind zum Beispiel starke, anhaltende Kopfschmerzen und Übelkeit, sowie wiederholtes Erbrechen. Dann sollte man sofort einen Arzt kontaktieren. Reagiert das Kind nicht wie sonst, sondern langsamer oder nicht angemessen, kann dies eine beginnende Bewusstseinseinschränkung anzeigen. Auch die Pupillen können einen Hinweis geben. „Sie sollten gleich groß sein und beide sofort kleiner werden, wenn das Licht heller wird oder man mit einer Taschenlampe ins Auge leuchtet“, erklärt die Intensivmedizinerin. Falls das nicht der Fall ist, sollte man unbedingt die 112 anrufen.

Besondere Aufmerksamkeit bei Babys

Besonders schwer lassen sich Bewusstseinseinschränkungen bei Babys erkennen. „Die Symptome sind viel unspezifischer. Aber auch hier gilt, dass das Baby zwischendurch wach werden, trinken und sich wie immer verhalten sollte“, sagt Bruns. Es gilt: Lieber einmal zu viel als zu wenig zum Arzt gehen. Bei Unsicherheiten sollten Eltern ihr Kleines auf jeden Fall ärztlich untersuchen lassen.

Oft müsse man bei sehr kleinen Kindern auch den Verlauf beurteilen, das heißt, sie über eine Weile beobachten, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist. „Je nachdem, ob das Baby normal erscheint oder sich auffällig verhält, kann das zu Hause geschehen oder besser im Krankenhaus“, sagt die Kinderärztin.

Checkliste: Das können Eltern überprüfen

Häufig werden Kinder nach einem Unfall müde und schlafen ein. Wichtig sei, dass die Kinder sich wecken lassen und dann altersentsprechend verhalten. Die Leitlinie empfiehlt, die Kinder alle zwei Stunden zur Kontrolle zu wecken. Nachts lässt sich das allerdings nicht immer gut durchführen und beurteilen, da Kinder – auch ohne Kopfverletzung – mitunter extrem schwer wach zu bekommen sind.

Wenn Eltern ihre Kleinen wecken, sollten sie auf diese Symptome achten:

  • Öffnet das Kind die Augen?
  • Reagiert es normal?
  • Sind beide Pupillen gleich groß?
  • Verengen sich die Pupillen unter einem Lichtstrahl, zum Beispiel einer Taschenlampe?
  • Kribbeln die Arme und Beine des Kindes oder fühlen sich taub an?
  • Hat es Kopfweh?
  • Ist ihm übel oder erbricht es?

Falls die Eltern sich unsicher fühlen, sollten Sie mit Ihrem Nachwuchs zum Kinderarzt oder ins Krankenhaus gehen, damit abgeklärt werden kann, ob das Kind eine stationäre Überwachung benötigt, eine bildgebende Untersuchung vom Gehirn notwendig ist oder eine Beobachtung zu Hause genügt.

Bei Hirnblutung rechtzeitige Operation wichtig

Eine Hirnblutung kann für den Betroffenen schwere Folgen haben und sogar tödlich sein. Denn die zunehmende Blutmenge drückt auf das Gehirn. Mit einer rechtzeitigen Operation können Neurochirurg:innen die Blutung stoppen und den Druck nehmen. Manchmal müssen sie dazu ein Stück Schädelknochen entfernen, das später wieder eingesetzt wird. Dies ist jedoch selten der Fall. Von 1000 Kindern, die wegen eines Schädel-Hirn-Traumas ins Krankenhaus aufgenommen werden, müssen nur 7 neurochirurgisch versorgt werden.

Flüssigkeit aus Nase oder Ohr: Schädelbasisbruch möglich

Fließt klare oder blutig verfärbte Flüssigkeit aus Nase oder Ohr, kann das auf einen Schädelbasisbruch hindeuten. Auch hier gilt: schnell den Notarzt rufen, damit das Kind im Krankenhaus gut versorgt werden kann.

Gut zu wissen: Die Mehrheit der Stürze bleiben ohne Folgen und die Kleinen spielen munter und fröhlich. „Kleinkinder machen das intuitiv“, sagt Bruns. Statt wildem Toben und Spielplatz-Abenteuern möchten sie oft von alleine lieber einen Tag mit Schmökern und Kuscheln verbringen. Größeren Kindern tun ein paar Tage Sport- und Schul-Pause gut. „Sie sollten sich nur soweit wieder belasten, dass keine Symptome auftreten“, rät Bruns. Nach ein paar Tagen ist es meist überstanden.

Nachbetreuung nach Schädel-Hirn-Trauma

Es kann sein, dass auch nach einem milden Schädel-Hirn-Trauma über längere Zeit Symptome anhalten oder auftreten. „Das Problem ist, dass sie teilweise schwer erkennbar sind und möglicherweise gar nicht mehr mit dem Unfall in Verbindung gebracht werden“, erklärt Bruns. Typische Probleme sind unter anderem Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche.

Die Intensivmedizinerin empfiehlt: „Kinder mit moderatem und schwerem Schädel-Hirn-Trauma sollten in jedem Fall kinderneurologisch nachbetreut werden. Aber auch wenn Kinder nach einer leichten Kopfverletzung derartige Probleme entwickeln, sollten diese abgeklärt werden.“


Quellen:

  • Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin e.V. (GNPI): Schädel-Hirn-Trauma im Kindes- und Jugendalter, Stand 02/2022. Leitlinie: 1999. https://www.awmf.org/... (Abgerufen am 25.05.2022)

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